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Mai 2008
 

Spricht eigentlich noch jemand Deutsch oder gibt es gar kein Happy End ?

Immer mehr Phantasie-Anglizismen durchsetzen die deutsche Sprache

Was ist wohl mit: "Come in and find out" oder "Powered by Emotion" gemeint. Wer jetzt nur Railway Station versteht ist nicht allein. Denn inzwischen gibt es schon vereinzelt die Bestrebung wieder in Deutsch zu werben, wenn die Umsätze einbrechen. Trotz des Englischunterrichtes in den Schulen und dem weit verbreiteten Einsatz der englischen Sprache im Berufsleben, werden bei Umfragen die englischen Werbetexte falsch verstanden. ,, Komm herein und finde wieder raus“ übersetzten die meisten der Befragten den ersten Spruch, den zweiten gar mit „Kraft durch Freude“. Viele der blamierten Firmen werben schon länger wieder auf Deutsch, locken mit „Douglas macht das Leben schöner“ oder „Sat.1 zeigt‘s allen“. Sie fahren gut damit. Doch die Anglizismitis grassiert nach wie vor und erschafft sogar vermeintlich englische Begriffe und Wendungen, die es vorher gar nicht gab. Bekanntestes Beispiel ist das Handy, das in Großbritannien mobile phone und in den USA cellular phone genannt wird — das Handy kennt man dort nicht. Noch viel mehr dieser Scheinanglizismen haben sich in unserem Alltag durchgesetzt.

Peinlichster Vertreter ist der Body Bag. Werbestrategen vermarkten unter diesem Namen Rucksäcke, mit Trageriemen quer über der Brust. Hätten sie vorher im Wörterbuch nachgeschaut, hätten sie gewusst, dass das Leichensack heißt.
Smoking wird bei uns ein besonders festlicher Anzug genannt. Im britischen Englisch heißt er dinner jacket und im amerikanischen Englisch tu.xedo. Früher zog man sich eine Jacke über, um im Raucherzimmer den Rest der Kleidung vor Qualm zu schützen. Diese Jacke heißt im Englischen smoking jacket.
Der Pullunder existiert ebenfalls nur bei uns, aber er ist kein „Drunterzieher“, sondern Oberbekleidung und heißt im Englischen sweater vest, slipover oder tank top. Der Pullunder ist in Großbritannien ein Kleidungsstück, das man über die Beine zieht, also eine Art Leggins.
Auch den Beamer, einen Wandprojektor, nennen nur wir so. Im Englischen sagt man video projector oder einfach nur projector.
Ein Showmaster ist beiden kein Begriff. Sie sprechen vom talk show host oder einfach: host.
Auch den schönen Oldtimer kennen Briten und Amerikaner nicht. Bei ihnen heißt es classic car oder vintage car.
Was wir liebevoll einen Oldie nennen, also einen alten Schlager, heißt
bei den Angelsachsen ebenso liebevoll evergreen,
Der Dressman existiert ebenfalls nur bei uns, Briten könnten ihn als Transvestiten interpretieren. Dort sagt man male model.
Der Catcher ist bei uns ein Ringer, der englische Ausdruck ist wrestler.
Das (Foto)shooting ist für englische Muttersprachler eine Schießerei. Sie sagen: photo shoot oder photo session.
Ein Shooting Star ist woanders eine Sternschnuppe und kein neues Talent wie bei uns. Angelsachsen sagen newcomer oder rising star.
Und selbst, wenn englische Muttersprachler munter sind, sind sie nicht top-fit, sondern physically fit.
Ein Sonderfall ist der Begriff Happy End für ein gutes Filmende. Der wurde im Deutschen verkürzt. Im Original heißt er etwas länger:
happy ending.

 Dabei bräuchten sich Sprachschaffende und Werber nur so originelle Sprüche wie „Geiz ist geil“,,, Ich bin doch nicht blöd“ oder „Wohnst Du noch oder lebst Du schon“ einfallen lassen, um ihre Adressaten zu erreichen. Diese und andere deutsche Sätze haben nämlich bei Untersuchungen am Lügendetektor die stärksten emotionalen Reaktionen ausgelöst. Weit abgeschlagen folgten englische Botschaften, die in elf von zwölf Fällen von der Mehrheit der Befragten noch nicht einmal korrekt übersetzt werden konnten.
Da wurde etwa das „Drive Alive“ eines Autoherstellers als Aufforderung verstanden, bitte möglichst die Fahrt zu überleben, „Feel the difference“ übersetzten die Gefragten mit „Fühle das Differenzial“ oder „Ziehe die Differenz ab“. Absolutes Verständnis-Keilerkind: „Life by Gorgeous“, was in etwa „Leben auf prächtig“ heißen könnte. Die meisten der Probanden meinten, man wolle ihnen ein „Leben in Georgien“ schmackhaft machen. Die Menschen werden trotz dieser ernüchternden Ergebnisse nach wie vor von Werben und Medien mit englischen Phrasen eingelullt. Denn es gilt: Hat ein Begriff einen englischen Klang, hört er sich für viele „cool“ und lässig an, auch wenn man gar nicht versteht, was dahintersteckt. Der Adidas-Spruch „Impossible is nothing“ erregt vor allem deshalb Aufmerksamkeit, weil er so sonderbar verdreht ist. Fast jeder würde sagen: „Nothing is impossible“, das schlechte Englisch scheint beabsichtigt zu sein. Doch eigentlich ist der Spruch nur eine müde Kopie der Toyota-Kampagne, die mit ihrem deutschen „Nichts ist unmööööglich“ schon vor Jahren ein Volltreffer war. Kritiker haben für dieses fehlerhafte, vereinfachende Englisch sogar schon einen Begriff
erfunden: „bad simple englisch“, auch BSE abgekürzt. Von dieser Krankheit werden — bewusst oder unbewusst — immer mehr Alltagssprecher infiziert, man muss nur in der Öffentlichkeit die Ohren aufsperren. Nicht einmal vor dem Bundesbildungsministerium machte BSE halt: Den Wettbewerb der Eliteuniversitäten nannte es vor einigen Jahren „Brain up!“, eine Formulierung, die es so im Englischen nicht gibt. Die Uni Köln hielt sich für Spitzenklasse und gab folgende Pressemeldung heraus: „Köln beteiligt sich am Brain ub.“ Es gibt Analysten, die erklären diesen Drang zum Englischen so: Alles Amerikanische wird bewundert, seit GIs nach dem Zweiten Weltkrieg Kaugummis an Kinder verteilten, die sich Amerika zum leuchtenden Vorbild nahmen. 

Mit der Globalisierung wurde das Deutsche nicht nur in der Werbesprache, sondern auch in der Wissenschaftssprache wie eine überholte Technologie abgelegt. Peter Eisenberg, Gennanistikprofessor aus Potsdam, kritisiert zum Beispiel deutsche Universitäten, in denen nur noch auf Englisch doziert wird: „Sie begreifen das fälschlicherweise als Indiz für Modernität.“ Er empfiehlt daher „mehr Selbstbewusstsein und den bewussten Gebrauch des Deutschen.“ Doch viele Unternehmen sind verliebt in ihre deutsch-englischen Sprachkapriolen und nutzen sie unter anderem auch, um einen weltweit einheitlichen Auftritt zu erreichen. Befeuert wird diese Entwicklung von den Marketingleuten der Firmen, „die das im Zweifel schick finden.“.

So kommt es auch zu eigenartigen Mischungen aus Deutsch und Englisch wie: „Ich habe das Programm gedownloadet“. Für diesen Mix wurde das Wort „Denglisch“ erfunden.
Die Sprache der Wirtschaftseliten nimmt sich besonders wichtig, sie ist gespickt mit englischen Begriffen. Kritiker sagen, der Business-Schwafler wolle angeben, den Bürgern ein X für ein U vormachen und sein Produkt in glitzerndes Geschenkpapier verpacken. In der Wirtschaftssprache ist der Lehrling ein schicker „Trainee“, dem — frei aus dem Englischen übersetzt — „Karriereoptionen eröffnet“ werden, also Hoffnung gemacht wird, vielleicht einmal zum „facility manager“ (Hausmeister) aufzusteigen.

Regt sich Widerstand und brechen Autoren in ihren Artikeln eine Lanze für ein einwandfreies Deutsch ohne englische Wendungen, beobachtet man Sonderbares: Schon im ersten Absatz entschuldigen sie sich, dass es ihnen nun wirklich nicht um Deutschtümelei geht. Das man keineswegs der„übellaunige, heimattümelnde Sprachschützer“ sei, „dem man nicht im Dunkeln begegnen möchte“, wie ein Zeit-Autor versichert. Man könnte ja als Nazi dastehen.
Wenn Journalisten, die ja auch ein Produkt verkaufen, ihre Texte völlig unkritisch mit Anglizismen gespickt haben, erhalten sie jede Menge Leserbriefe, in denen ihnen die Aufschneiderei um die Ohren gehauen wird. Die protestierenden Leser sind einfach nur genervt. Sie wollen, dass Autoren so schreiben, dass man die Texte versteht: unverblümt, klar und deutlich. Und das geht nach wie vor am besten in der eigenen Sprache.

Redaktionell gekürzter Beitrag von Matthias Niese der in den Fürther Nachrichten erschienen ist. 

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Diese Seite wurde zuletzt am 13. Juni 2008 aktualisiert.
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