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Geschichtliche Entwicklung des
Verbindungswesens:
Bevor man sich über die Entstehung des Verbindungswesens Gedanken macht, man sich zunächst über die
Entwicklung des Bildungswesens informieren. Noch Karl der Große war selbst nicht des Lesens und des Schreibens
unfähig und war auf einen Schreiber angewiesen. Bildung war ausschließlich den Klöstern und Domschulen
überlassen. Das eigentliche öffentliche Bildungswesen beginnt erst etwa mit der Reformationszeit, und auch zu
dieser Zeit konnte sich Bildung nur der Adel und die gut betuchten Bürger leisten.
Die ersten "öffentlichen" Universitäten wurden bereits im 11. Jahrhundert in
Oberitalien gegründet, standen aber
unter der Obhut von Klöstern und Domschulen. An diese oberitalienischen Universitäten (die man allerdings eher mit
der Oberstufe eines heutigen Gymnasiums vergleichen kann, da die Naturwissenschaften noch kaum erforscht
waren) kamen nun die damaligen Scholaren aus ganz Europa. Meist der italienischen Sprache nicht mächtig und
der Willkür der einheimischen Bevölkerung ausgesetzt, war es notwendig sich in Gruppen zu Wohn- und anderen
Gemeinschaften zusammen zu schließen. Diese "Nationen" waren die Vorläufer der späteren Landsmannschaften.
Die erste deutsche Universität wurde durch Kaiser Karl IV in seiner Eigenschaft als böhmischer Landesherr im
Jahre 1348 in Prag. Nach dem Muster der bereits vorhergehend gegründeten französischen Universitäten waren die
Studenten auch dort nach Nationen gegliedert, wobei eine Nation meistens aus Studenten verschiedener
benachbarter Fürstentümer bestanden.
Im Laufe der späteren Jahrhunderte, mehrheitlich aber erst nach der Reformation wurden dann noch zahlreiche
Universitäten gegründet, die aber teilweise nur von kurzer Lebensdauer waren. Mit diesen Universitäten die den
jeweiligen Landesherren unterstanden verlagerte sich auch das Lehrangebot von den Klöstern in diese neuen
Lehrinstitute. Die Angehörigen der kirchlichen Orden lebten nun nicht mehr in den Klöstern, sondern in eigenen von
den Klöstern betriebenen Wohnheimen. Zu diesen kirchlich betriebenen Pensionen gesellten sich dann nach und
nach unter der Leitung von Hochschullehrern auch weltliche Wohnheime in denen die Studenten gegen Entgelt
wohnen konnten. Dieses Entgelt wurde Bursa (Börse = Geld) genannt und die Wohnheime hießen Bursen. Später
entstand daraus die Bezeichnung Bursche für die Bewohner dieser Heime.
Auch damals war es schon üblich begabten Studenten durch den Landesherren eine Art Stipendium zu zahlen.
Noch heute bekannt ist das Haus Nassau, das seinen Studenten nicht nur Unterkunft, sondern auch Essen und
Trinken bot. Das führte dazu, dass sich etliche Studenten, die ebenfalls in den
Genuss dieser Begünstigungen
gelangen wollten als Nassauer ausgaben. So entstand für den Versuch sich ungerechtfertigte Vorzüge zu
erschleichen der heute noch gebräuchliche Begriff des nassauerns.
Lebt man schon auf Kosten seines Landesherren, dann ist es wohl auch recht und billig sich unter der jeweiligen
Landesfahne zu versammeln und sich zu festlichen Anlässen mit Schärpen in den Landesfarben zu schmücken.
Diese waren damals allerdings noch zweifarbig wie die Landesfarben der meisten Bundesländer auch heute noch
sind. Die Dreifarbigkeit entstand erst nach der Französischen Revolution mit den Begriffen
Freiheit (frei unter
blauem Himmel), Gleichheit (rein, ohne Unterschiede, makellos
weiß) und
Brüderlichkeit (wie
rotes Bruderblut).
Da die Bursen klosterähnliche Bescheidenheit und Disziplin verlangten und sich nach und nach neben den
Landesherren auch andere Förderer fanden, konnten es sich die Landsmannschaften leisten eigene Häuser zu
leisten. Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden damit noch einige weiter Landsmannschaften die sich im Zeitgeist des Humanismus nun nicht mehr Bayern
sondern Bavaria und nicht mehr Schwaben sondern Suevia nannten. Nach dem bei der
Vielzahl der so neu entstandenen Landsmannschaften die Namen aller Länder
vergeben waren, besann man sich auf die Namen alter germanischer Volksstämme
und es entstanden Bünde mit dem Namen Markomannia, Vandalia, Alemannia oder
Gothia.
Dem klosterähnlichen Leben in den Bursen entronnen trat unter den Studenten einer Verrohung der Bräuche ein.
Trunksucht breitete sich aus es kam zu Raufereien mit allen Schichten des Bürgertums und des Militärs. Oftmals
wurden Studenten von der Universität ausgeschlossen was dazu führte, dass sich ganze Gruppen von Studenten auf
die Wanderschaft machten, um an der nächsten Universität erneut ihr Glück zu versuchen. Auf ihren
Wanderschaften schlugen sie sich als Gelegenheitskünstler mit Theaterstücken oder als Musiker durch.
Um diesen Umständen entgegen zu wirken traten aus einigen Landsmannschaften Mitglieder aus und gründeten eine
neue Form von Verbindung mit streng gefassten Regeln, wie man sich in der Öffentlichkeit zu benehmen hatte, und
wie man in geordneter Weise zu trinken hatte, ohne sich zu betrinken. Die Urform des Komments war entstanden.
Diese Bünde nannten ich zunächst neue Landsmannschaften. Wegen ihres militärischen Drills und auch ihres
Einsatzes in den Befreiungskriegen als Freicorps wurde dieser Verbindungstyp nach und nach mit dem Namen
Corps belegt. Mit der Aufstellung disziplinarischer Regeln hatte man versucht der Studentenschaft in der Gesellschaft
neben Adel und Militär eine neue elitär gesinnte Standesschicht zu etablieren.
Nachdem das Joch Napoleons abgeschüttelt war traten neue Ideen von der Vereinigung der Deutschen Staaten zu
einem einheitlichen Deutschen Staat in den Vordergrund. Die Studenten wurden zunehmend politisch aktiv und
stellten die aktuelle Staatsform in Frage. Im Juni 1815 versammelten versammelten sich deshalb 4 Jenaer
Landsmannschaften und gründeten die erste Deutsche Burschenschaft mit
"vaterländischer" Gesinnung. Dieses
Vorbild machte recht bald Schule und an zahlreichen anderen Universitäten entstanden ebenfalls Burschenschaften.
Im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts entstanden mit der Industrialisierung vielerorts neben den Universitäten
weitere höhere Bildungsanstalten, um den beruflichen Nachwuchs im Bereich der Technik zu fördern. Auch an
diesen Bildungsstätten entstanden Vereinigungen mit großer Nähe zu studentischen Verbindungen. Im Laufe der
Jahre etablierten sich auf diesen meist höheren technischen Lehranstalten, die später in Ingenieurschulen
umgewandelt wurden, und aus denen die heutigen Fachhochschulen hervorgegangen sind etwa eine gleich große
Anzahl von Verbindungen wie an den Universitäten.
Im Laufe der Zeit haben sich die ideologischen Unterschiede zwischen Landsmannschaften, Corps und
Burschenschaften sehr stark verwischt. Dazu sind zahlreiche Neugründungen entstanden, die keinen dieser Begriffe
im Namen führen sondert sich Technische Verbindung, Sängerschaft oder Ingenieur-Verbindung oder
Technischer Club nennen. Bis in die 70'er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gingen sich die Universitätsverbindung und
Fachhochschulverbindungen noch gegenseitig aus dem Weg. Dank der Arbeit der Korporationsverbände, in denen
sich zahlreiche Bunde zusammengeschlossen haben ist es heute möglich große gemeinsame Veranstaltungen
durchzuführen.
Martin Lohmann (T.V. Amicitia Nürnberg)
Dezember 2002
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